Start Erfahrungsberichte Betroffene Mein Therapeut und ich - Ich und mein Therapeut!
Mein Therapeut und ich - Ich und mein Therapeut!

Damals als ich während meiner Therapie in der Tagesklinik das erst Mal bei meinem Therapeuten auf der „Couch" saß, fühlte ich sofort ein sehr vertrautes Gefühl. Ich hatte keinerlei Problem mich ihm zu öffnen oder mit ihm über meine Traumata zu sprechen. Natürlich gibt es Tage an denen man diese Dinge ganz weit in eine Schublade im Kopf geschoben hat und nur ungern wieder aufzieht, aber ich war mir der Situation bewusst, dass wenn ich jetzt nicht mache, innerhalb dieser geschützten Wände, wann dann?

Nachdem ich wusste, dass bei mir Depressionen, eine Posttraumatische Belastungsstörung und eine Persönlichkeitsstörung Typ „Borderline" vorliegt, erklärte sich für mich dann einiges in meinem Leben. Viele wären von solch einer Diagnose sicher schockiert und hätten große Probleme damit zu leben, für mich war es aber eher so ein Gefühl als hätte jemand „Licht ins Dunkle" gebracht und ich verstand jetzt viele Dinge einfach besser.

Innerhalb der Therapie wurde mir endlich klar, warum mich manche Menschen mehr „triggern" als andere und was mich dann oftmals daran so aufregte. Es war diese Schwäche, die manche Menschen schon wie so eine Art Stempel auf der Stirn haben, und die ihre Schwächen so sehr nach außen tragen, dass es mich immer total aufregt.

Da ich ein Mensch bin, der Schwäche nur sehr schwer akzeptieren kann und diese auch nur sehr selten auslebt, war ich sehr erleichtert als mein Therapeut mit mir zusammen auf Ursachenforschung ging, damit es für mich transparenter wurde warum ich so denke.

Als er mir anbot mich auch ambulant weiterzubehandeln habe ich mich dann auch total auf die Zusammenarbeit gefreut, weil ich mir nur schwer vorstellen konnte, mit jemand anderen solche Gespräche führen zu können ohne das mich mein Gegenüber „falsch" versteht. Noch dazu empfand ich ihn zu dem Zeitpunkt als einzigsten Menschen auf „Augenhöhe" mit dem die Gespräche Tiefgang haben und ich nicht Smalltalk halten muss, aus Angst das Gegenüber versteht nicht was ich sage.

Nach einigen Gutachten meines Therapeuten und unzähligen Telefonaten mit der Krankenkasse wurde dann endlich eine ambulante Langzeittherapie bei ihm von der Krankenkasse genehmigt und ich hatte es „ schwarz auf weiß", dass ich mich vorerst einmal 45 Sitzungen lang mit ihm über mich und mein Leben unterhalten werde und meine Flecken auf der Seele ein paar Pflaster bekommen.

Ein Gutes Gefühl!

Bei der nächsten Sitzung habe ich dann einen DBT - Vertrag mit ihm geschlossen in dem es Regeln sowohl für mich, als auch für ihn gibt.

Jede Woche wenn ich zu ihm fahre, dann freue ich mich auf die Gespräche, allerdings ist es auch schon mal vorgekommen, dass ich anschließend sehr verunsichert war oder auch unzufrieden, weil mir das Gespräch dann nicht mit genug „Tiefgang" war, oder ich den Eindruck hatte, er wäre nicht bei der Sache gewesen.

So etwas kann ich nur schwerlich durchgehen lassen und muss das dann beim nächsten Mal wieder ansprechen, weil mir das sonst keine Ruhe lässt.

Schon oft gab es auch nach meinen Sitzungen Situationen in denen ich darüber nachgedacht habe, dass es ja eigentlich so ist, dass er mir nur die Dinge sagt, welche mich bestärken sollen, die ich aber nicht glauben kann und die ich dann immer wieder in Frage stellen muss.

Letztendlich ist er ein Therapeut und weiß genau was er wann sagen muss, weil er es so gelernt hat. Mich hat das oft sehr verunsichert und es hat sich für mich falsch angefühlt, etwas gesagt zu bekommen weil es Teil einer Therapie ist, oder in irgendeinem Lehrbuch steht. Für mich hat das dann bedeutet, dass er mir diese Dinge auch sagen würde, wenn bei uns die Chemie nicht stimmen würde und er mich ganz schrecklich finden würde.

Immer wieder konfrontiere ich ihn mit solchen Gedanken und zweifle damit ja irgendwie auch seine Kompetenz an, oder stelle ihn als Therapeut in Frage. Alles muss ich immer in Frage stellen und nachfragen, nichts kann ich so stehen lassen wie er es gesagt hat. Es würde mich tagelang beschäftigen. So haben wir schon sehr oft darüber diskutiert während der Sitzung und immer wieder nach einer Ursache gesucht, warum ich selbst ihm gegenüber ein solches Misstrauen habe und alles immer nur mit den Worten: Sie wollen mich ja sowieso nur positiv bestärken, abtue.

Schon mehrmals sind so viele Dinge aus mir herausgeplatzt das er sich hätte eigentlich auch persönlich angegriffen fühlen müssen und ich habe ihm auch schon einmal gesagt, dass ich den Eindruck habe, dass er für mich auch irgendwie ein Herausforderung darstellt und das nicht nur als Therapeut sondern auch als Mensch. Immer habe ich im Leben gerade diese Dinge als wichtig für mich erachtet „Herausforderungen" als mein Lebenselixier zu betrachten, aber warum?

Na, ja wohl hauptsächlich aus dem Grund, weil es mir dann leichter fällt, mich zu spüren. Schwache Menschen zu manipulieren oder von sich zu überzeugen ist ja nicht schwer. Aber einen Menschen der einem Contra bietet, sich auf der gleichen Ebene befindet, da ist es nicht so leicht und das spornt mich an, aber ich kann nicht genau sagen warum das so ist.

Ändert sich in dem Moment mein Selbstbild?

Ich weiß es nicht.

Ich erinnere mich an eine Situation in der ich meinem Therapeuten schlussendlich geschrieben habe, ich hätte den Eindruck die Grenze zwischen uns überschritten zu haben und ich müsse mir wohl einen anderen Therapeuten suchen, weil ich immer den Eindruck hätte ich würde mit meiner herausfordernden Art die Grenze nicht sehen und mit voller Wucht gegen die Schranke laufen. Vielleicht war es auch so, dass ich gedacht habe lieber beende ich die Zusammenarbeit, bevor er es macht.

Für ihn war das alles überhaupt nicht so und er hat mir versichert, dass es kein Problem gibt zwischen Therapeut und Patient.

Ganz im Gegenteil! Hmmmmmmmmmmmmmm.....................................????????????????????????

Das musste ich erst einmal sacken lassen und eine Woche darüber nachdenken.

Am meisten hat mich die Situation verunsichert in der ich nach meiner letzten Selbstverletzung war. Es war noch nicht mal die Tatsache, dass ich ihm anschließend dazu geschrieben habe, dass er jetzt sicher total enttäuscht von mir ist, sondern eher jene, dass mir ein paar Tage später eine andere Borderlinerin erzählte, sie habe nach einer Selbstverletzung gedacht er wäre enttäuscht von ihr.

Das hat mich sichtlich geschockt, denn in mir tat sich der Verdacht auf, wie viel scheiße er sich von seinen Patienten anhören muss und das ich tatsächlich geglaubt habe ich sei die Einzige die so denkt. Das wiederum hat mich dann noch mehr daran zweifeln lassen, dass er mich als den Menschen sieht den er mir immer wieder vor Augen führt, oder eben doch nur ein kleiner winziger Punkt im Universum und kein leuchtender Stern.

Bekannt für Boderline sind ja die Schemata: Idealisierung – Abwertung

Manchmal hatte ich das Gefühl, ich würde das auch auf meinen Therapeuten anwenden, ohne es aber zu wollen.

Na, ja ich kann immer nur wieder sagen wie froh ich darüber bin, dass ich bei ihm gelandet bin und wie wichtig diese Gespräche für mich sind, gerade weil sie so sind wie sie sind.

Mittlerweile fühlt es sich auch nicht immer so an, als würde er mir mit den positiven Aussagen die er macht, nur etwas vorgaukeln, was er in seiner Weiterbildung zum DBT- Trainer gelernt hat.

Selbst wenn ich ihn wahrscheinlich schon oft an seine Grenzen getrieben habe mit meiner Art nichts stehen zu lassen, so glaube ich das er es auch irgendwie zu schätzen weiß, dass ich eben nicht alles glaube was man mir vorkaut.

Fakt ist: Es gibt eine klare Borderline zwischen mir und ihm und diese Grenze ist ein schmaler Grad, den es gilt nicht zu übertreten und das schafft man nur wenn man ehrlich zueinander ist und sich nichts vormacht, oder etwas nicht ausspricht. Denn mit sonst niemand rede ich über so persönliche Dinge wie mit meinem Therapeuten obwohl er ja erst einmal eine fremde Person ist, die dafür bezahlt wird mich zu behandeln.

Ich kann nicht verstehen, warum es immer noch so viele Therapeuten gibt, die sich weigern Borderline Patienten zu behandeln, denn ich glaube, dass auch Therapeuten von der Arbeit mit „uns" profitieren können!!