Gruppenmitglied

Ich weiß gar nicht so wirklich wo ich anfangen soll, am besten bei den frühesten Erinnerungen aus meiner Kindheit. Eigentlich tue ich mich sehr schwer damit anderen von mir zu berichten und hoffe deshalb, dass es mir gelingt meine Erfahrungen möglichst verständlich rüber zu bringen.

Mit 10 Jahren ging ich zu meiner Mutter und meinem Stiefvater und erzählte ihnen von meinem Wunsch zu sterben. Ich wollte einfach nicht mehr da sein, fühlte mich überflüssig und einsam. An Dinge die sich vor meinem 9.ten oder 10.ten Lebensjahr ereigneten, kann ich mich nicht erinnern. Seitdem ich also denken kann, lebte ich mein Leben mit dem Wunsch zu sterben. Meine Mutter suchte daraufhin eine Therapeutin auf, die mich nach einer Sitzung wieder nach Hause schickte und sagte alles sei okay und es sei völlig normal über den Tot nachzudenken.

Meine Eltern trennten sich als ich 7Jahre alt war. Reagiert habe ich auf diese schwierige Situation eigentlich gar nicht, es einfach zur Kenntnis genommen. Zu meinem Vater hatte ich bis zu meinem 16.ten Lebensjahr ein sehr gutes Verhältnis, welches sich bis zu meinem 17.ten Lebensjahr so verschlechtert hat, dass ich den Kontakt abgebrochen habe. Die Lage zu Hause war für mich wohl nicht leicht, aus Erzählungen meiner Eltern weiß ich, dass mein 2 Jahre jüngerer Bruder stets vorgezogen wurde. Dieser ist an Pseydo-Krupp erkrankt und meine Eltern hatten sehr große Angst, dass sein Kehlkopfdeckel zuklappt wenn er zu sehr schreit. Ich weiß  bis heute nicht wieso aber mein Bruder hegt einen unglaublichen Hass gegen mich und hat jegliche Versuche von mir mit ihm zu reden zu Nichte gemacht. Er sagt er hätte sein Leben lang unter mir gelitten und erschwert mir mein Leben um einiges. Ich kann das nicht verstehen, immerhin war ich diejenige die täglich zurückstecken musste. Ich würde sagen, wenn überhaupt, dann habe ich unter ihm gelitten, schließlich haben meine Eltern sich viel mehr um ihn als um mich gekümmert. Mit meiner kleinen Schwester komme ich eigentlich gut klar. Nur dann nicht wenn mein Bruder in der Nähe ist, der sie ständig gegen mich aufhetzt. Sie ist ja noch klein und merkt gar nicht was er da eigentlich macht. Selbst er mit seinen mittlerweile 19 Jahren ist noch sehr unreif wie ich finde. Ich weiß nicht wie, aber er schafft es jeden Tag aufs neue die ganze Familie in Unruhe zu versetzen und meine Mutter schafft es einfach nicht sich durchzusetzen. Sie lässt ihm alles durchgehen, egal was er tut. Ich versuchte oft genug meine Mutter dabei zu unterstützen doch diese fiel mir nicht zuletzt in den Rücken, nur weil es ja leichter ist einer Person die Schuld zu geben die sich dann ins Zimmer verzieht und man nicht sieht wie schlecht es ihr damit geht, als einem der rumschreit, aggressiv wird, beleidigt etc.. Mit meinem Stiefvater kam ich Anfangs überhaupt nicht klar doch dieses Verhältnis hat sich mit der Zeit gebessert.

Trotzdem hatte ich, so fühlt es sich an, nie eine wirkliche Verbindung zu irgendjemandem aus meiner Familie. Meine Eltern dachten, mir würde es gut gehen weil ich stets das tat was sie von mir verlangten. Von meiner Familie und deren Bekannten wurde ich „das Bilderbuchkind“ genannt. Ich habe eigentlich nur funktioniert und jegliche Gefühle unterdrückt. Anscheinend war dies für mich leichter als jeden Tag erneut um die Aufmerksamkeit, Liebe und Zuneigung meiner Eltern zu kämpfen. Für meine Entwicklung nahm ich mit, dass Gefühle nicht richtig sind bzw. zu weinen oder zu zeigen das man leidet, anderen Leuten alles recht zu machen auch wenn man am Ende auf der Strecke bleibt oder auch Entscheidungen zu treffen die für mich nicht gut waren nur damit es anderen gut ging.

Schleppend ging mein Leben voran und es verging kein Tag an dem ich mir nicht wünschte morgens nicht mehr aufzuwachen, überfahren zu werden oder sonst wie umzukommen. Das mit mir etwas nicht stimmt war mir auch schon seit längerem klar, spätestens ab dem Zeitpunkt als ich meinen Eltern von meinem Wunsch erzählte.
Nach der Schule direkt im Zimmer eingeschlossen, zurückgezogen von Freunden und auch der Familie. Mal hier oder da eine Beziehung, aber nichts was mein Leben wirklich schöner machte oder es mir besser gehen ließ. So lebte ich dann bis zu meinem 18ten Lebensjahr. Den Wunsch wollte ich dann in die Tat umsetzen und habe durch eine Überreaktion mehrere Tabletten geschluckt. Nachdem das nicht klappte war mir klar dass sich etwas ändern muss und ich suchte dann eine Therapeutin auf. Nach einigen Sitzungen jedoch verschlimmerte sich mein Zustand und ich selber äußerte den Wunsch nach einem Klinikaufenthalt. Ich sollte mich daraufhin erst einmal in einer Klinik in Münster (vollstationär) vorstellen. Dort hat man mich dann zum ersten Mal über meine Diagnose informiert. Im ersten Moment war ich total schockiert, wobei ich nicht glauben konnte dass ich an einer emotionalen instabilen Persönlichkeitsstörung Typ Borderline leide. Jedoch war ich im nächsten Moment wieder total erleichtert und habe mich schon fast gefreut, denn endlich wusste ich was mit mir los war und hatte etwas an das ich mich halten konnte. Entschieden habe ich mich dann jedoch für die Tagesklinik in Schwerte.
Sehr viel konnte ich aus den 12 Wochen in der Tagesklinik mitnehmen doch am Umsetzen haperte es noch sehr. Die Zeit ging viel zu schnell rum und ich wurde entlassen. Dann saß ich da und wusste nichts mit mir anzufangen, mit dem was ich in der TK erfahren und gelernt hatte.

Anfang Dezember 2007 lernte ich dann meine jetzige Partnerin kennen. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich einiges für mich. Es geschah das woran ich nie geglaubt hatte. – Liebe auf den ersten Blick. Mit meinen Gedanken war ich nur noch bei ihr und habe gar nicht mehr so viel über mich nachgedacht, was vorher so ziemlich 24 Stunden war. – ich kam mir vor als würde mein Kopf selbst nachts noch immer über genau die Dinge nachdenken über die ich mir auch schon am Tag den Kopf zerbrochen habe. Wir unternahmen sehr viel, was für mich eigentlich untypisch war. Klar hatte ich davor auch schon Partner, aber dadurch hat sich nichts geändert. Alles ist grau geblieben. Oft waren wir einfach nur spazieren und haben geredet oder es auch einfach sein gelassen. Sie nahm mich an die schönsten Orte mit und hat mich in alles mit einbezogen was ich so gar nicht kannte. Sie gab mir alles, sie gab mir von Anfang an auch den Halt den ich brauchte um das Leben mit anderen Augen zu sehen. Jedoch wehrte ich mich irgendwann dagegen, oder habe es versucht. Denn mir war klar das es nur eine Frage der Zeit ist, bis dieser Traum zerplatzt und es mir dann noch schlechter gehen würde als es vorher schon der Fall war. Was sollte ich ihr denn bieten? Was sollte ich ihr denn geben können? Ich bin doch nichts wert! Ich habe doch so einen wundervollen Menschen nicht verdient!

Mit 16 begann ich meine Ausbildung in einer Rechtsanwaltskanzlei, die ich allerdings kurz vor dem Abschluß unterbrach. Nicht zuletzt lag es daran, dass ich dort gemobbt wurde. Anfang 2008 sollte ich dann allerdings meine Ausbildung wieder aufnehmen. Ich fühlte mich von Ärzten und meiner Familie sehr gedrängt diesen Weg zu gehen. Jedoch war für mich klar, dass ich nie wieder in diese Kanzlei will. Schließlich begab ich mich dennoch in die Höhle des Löwen um ein Gespräch zu führen weil niemand meine Not erkannte oder mir zuhören wollte. Ein paar Wochen später bekam ich Post und sollte 2 Wochen später in die Kanzlei zurück um meine Ausbildung wieder aufzunehmen.
Doch für mich war ja klar, dass ich da nicht mehr hin will und es auch gar nicht mehr schaffen würde. Nach kurzer Überlegung stand für mich fest, dass ich die Schlaftropfen die ich zu dieser Zeit noch verschrieben bekommen habe, einnehmen werde. Ich wusste mir nicht anders zu helfen. Mir wurde nicht zugehört wenn ich versuchte über diese Situation zu sprechen, ich habe mich überfordert gefühlt. Ich wusste, dass ich die Erwartungen, die alle in mich hatten, nicht erfüllen konnte und dass alle, wirklich alle enttäuscht sein würden. 

Am 02.01.08 verlief der Tag ganz normal, obwohl ich die ganze Zeit wusste, dass dieser Tag mein letzter sein würde. Nun war es soweit. Meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder lagen im Bett, meine Partnerin war zu der Zeit im Urlaub und ich bereitete mich schon mal auf das vor, was ich als nächstes tun wollte. Vorher rief ich meine ehemals beste Freundin an, weil ich gehofft hatte, dass diese letztlich doch noch zu mir hält, denn wenn ich nur eine Person auf meiner Seite gehabt hätte, hätte ich diesen Suizidversuch nicht begangen. Widererwarten stellte sie sich doch auf „die Seite meiner Eltern und Ärztin“. Ich beendete das Gespräch, schüttete die zwei Behälter in denen meine Schlaftropfen waren in ein Glas und habe diese dann getrunken. Licht ausgemacht, ins Bett gelegt und dann kann ich mich auch an nichts mehr erinnern. 3 Tage später, am Freitag kam ich dann wieder zu mir. Ich wusste gar nicht was los war und ich war der festen Überzeugung, dass ich wirklich in die Kanzlei gegangen war. Ich hatte einen ganzen Arbeitstag in meinem Kopf und fragte meine Mutter immer wieder was passiert sei, wieso ich denn hier liege und dann auch noch ans Bett gefesselt. Ich wurde dann noch am selben Tag nach Dortmund-Aplerbeck ins LKH gebracht, diese sollten dann dort auf mich aufpassen. Auf dem Weg dorthin kam nach und nach meine Erinnerung wieder. Doch so wirklich konnte ich nicht begreifen was da passiert war. Meine Mutter hat mich dann aufgeklärt und mir erzählt was alles passiert ist, das ich großes Glück hatte das ich so schnell ins Krankenhaus gebracht wurde. Sie erzählte mir, dass ich nachts noch mal meine damalige beste Freundin anrief und ihr total komische Dinge erzählte. Diese hat direkt gemerkt das etwas nicht stimmte und den Notarzt gerufen und zwischendurch immer wieder versucht meine Eltern zu erreichen. Als dann der Notarzt bei uns klingelte saß ich inzwischen unten im Wohnzimmer und mein Stiefvater der die Tür öffnete wusste bis dahin gar nicht was los war. Meine Geschwister wurden Gott sei Dank nicht wach und haben erst am nächsten Tag erfahren, dass ich im Krankenhaus liege. Meine Schwester ist noch sehr jung, meine Mutter hatte ihr erzählt ich würde wegen einer Lungenentzündung im KH liegen und meinem Bruder, da der schon wesentlich älter war, die Wahrheit.
Ich weiß, dass meine Familie furchtbar gelitten haben muss, denn bis FR morgen konnte man meiner Mutter immer wieder nur sagen das ich „im Moment stabil sei, man aber nicht sagen könne wie lange“. Seit diesem Vorfall rennt meine Mutter mir die ganze Zeit hinterher und selbst meine Großeltern fragen ständig nach wie es mir geht, aber nicht einfach nur wie es mir geht. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll. Sie sehen mich dabei mit diesem Blick an, Kind geht es dir denn wirklich gut, müssen wir uns wirklich keine Gedanken machen usw.! Das alles nervt mich total, es macht mich wütend, jetzt auf einmal soll ich zu jedem eine Bindung haben und offen sein. Aber das will ich nicht und alles in mir wehrt sich dagegen. Was wäre denn wenn ich keinen Suizidversuch unternommen hätte, würden sie sich dann auch Gedanken um mich machen? Würde dann Wert auf eine Bindung gelegt werden? Ich merke, dass es mich selbst jetzt wo ich es schreibe sehr wütend macht. Vielleicht musste es auch erst so kommen. Meine Mutter erzählte mir neulich, hätte ich den Suizidversuch nicht unternommen, hätte sie mich am nächsten Tag sogar in die Kanzlei getragen. Sie hätte alles versucht damit ich dort hingehe. Vielleicht kann ich aber auch nicht verzeihen, dass all die Jahre niemand für mich da war und ich meine Familie versuche damit zu strafen indem ich sie nicht an mich ranlasse.

Meine Partnerin war zu dem Zeitpunkt immer noch im Urlaub und bekam am Donnerstag eine SMS, dass ich im KH liegen würde wegen einer Lungenentzündung, aber es mir wieder gut gehen würde. Von Freitagmittag bis Montagmittag war ich dann im LKH. Am Samstag kam meine Freundin dann aus ihrem Urlaub zurück. Sie wusste bisher noch gar nicht dass ich Borderliner bin. Sie wusste rein gar nichts. Schließlich kam sie ins LKH und ich versucht ihr eine Story aufzutischen von wegen mir hätte jemand was ins Glas getan, doch sie wusste dass das nicht die Wahrheit war und somit habe ich nach langem Hin und Her ihr alles gesagt. Spätestens da wusste ich, dass ich sie verloren habe, dass als sie aus der Tür ging ich sie nie wieder sehen würde, doch sie kam wieder und als ich wieder zu Hause war kam sie auch immer wieder und ich fragte mich wieso. Wieso kommt sie immer wieder zu mir obwohl sie nun alles weiß, ich konnte nicht glauben, dass mein Traum trotz all dem was passiert ist immer noch nicht geplatzt ist. Ich weiß bis heute nicht wie, aber sie hat es geschafft, dass ich das was sie mir gab auch annehmen konnte. Dass ich nicht ständig alles hinterfragt habe, dass ich nicht an allem was sie sagte gezweifelt habe.

Einige Wochen später durfte ich dann noch mal die Tagesklinik in Schwerte besuchen. Nun stand meine Familie hinter mir, meine beste Freundin und auch meine Partnerin und ich habe versucht sehr viel aus dieser Zeit mitzunehmen und ich würde sagen das es mir gelungen ist sehr viel umzusetzen. Ich hatte Angst, ich hatte Angst davor, dass ich noch mal einen Suizidversuch unternehme und dass dieser mir dann auch gelingt. Ich wollte seit dieser Erfahrung alles dafür tun, dass ich nie wieder in diese Situation gerate. Durch meine Partnerin fing ich an die schönen Dinge des Lebens zu sehen. Nach wie vor ist mein Leben schwer und es gibt immer wieder Momente in denen ich mir denke, bring dich doch um es hat doch eh alles keinen Sinn. Doch dann stellen sich die schönen Dinge dagegen und gleichen diese negativen Gedanken aus. Jedoch muss ich im Moment nicht arbeiten und stehe nicht so sehr unter Anspannung. Ich weiß, dass ich wieder in Situationen kommen werde in denen ich die Kontrolle verliere und ich dann, wenn ich nicht genug daran gearbeitet habe, vielleicht mein Leben doch beende obwohl ich es ja eigentlich gar nicht will.

Ich denke, dass es sich nun so lesen könnte, dass man auf die große Liebe warten sollte, damit das Leben wieder lebenswert erscheint. Doch das Wichtigste ist ein stabiles Umfeld zu haben und das habe ich in dem Fall von meiner Partnerin bekommen und mittlerweile auch von meiner Familie. Meiner Meinung nach sollte man sich von Leuten die einem nicht gut tun trennen, immerhin hat man es ja eh schon schwer genug. Auch wenn es schwer ist, aber man tut sich selber etwas Gutes. Wozu dann noch „Freunde“ haben die eigentlich deine „Feinde“ sind, wenn sie dich nur runterziehen.

Inzwischen bin ich in Schwerte in einer Selbsthilfegruppe und beginne in einigen Wochen eine ambulante Psychotherapie. Ich bemerke immer wieder, dass ich Fortschritte gemacht habe, mit einer Situation besser umgehen kann, dass ich mich selbst besser einschätzen kann und das Wichtigste ist….dass ich gelernt habe auf mich selbst Acht zu geben!