Erfahrungsbericht einer Mutter

Meine Tochter hat mich heute gebeten einen Erfahrungsbericht bezüglich ihrer Erkrankung , dem Borderline-Syndrom, in positiver Form zu verfassen. 

Es ist natürlich nicht einfach über positive Erfahrungen zu berichten, wenn man weiß, dass die eigene Tochter so erkrankt ist, dass sie nie mehr wirklich gesund werden kann.

Ich werde versuchen positiv zu berichten, allerdings nicht ohne auch negative Erfahrungen zu schreiben.

Als ich erfuhr, dass meine Tochter unter dem Borderline-Syndrom leidet, wusste ich zuerst gar nichts damit anzufangen. Also habe ich mich im Internet versucht schlau zu machen.

Zuerst habe ich mir sehr große Vorwürfe gemacht, denn ich habe mir die Schuld an ihrer Erkrankung gegeben. Vielleicht habe ich als Mutter versagt, habe mich nicht genug um sie gekümmert, oder war die Trennung von ihrem Vater der Auslöser.

Als meine Tochter 7 Jahre alt war, habe ich mich von ihrem Vater getrennt. Sie hat es eigentlich sehr gut aufgenommen, hat nicht einmal geweint oder ähnliches. Damals war ich sehr froh, dass sie so reagiert hat, heute weiß ich, dass sie keine Gefühle zugelassen, wahrscheinlich sogar gegen ihre Gefühle angekämpft hat.

Meine Tochter, ich nenne sie hier Kathi, war und ist mein Bilderbuchkind. Kathi hat schon immer genau so reagiert wie wir Erwachsenen es von ihr (einer kleinen Erwachsenen) erwartet haben. Es kamen keine Schimpfwörter von ihr, bzw. sie hat funktioniert, war gut in der Schule, sehr ordentlich und sehr sensibel. Wenn ihr kleinerer Bruder ein Spielzug von ihr haben wollte, womit sie gerade spielte, hat sie es ihm ohne lange nachzudenken gegeben, denn sie wusste von uns Eltern, der kleine darf nicht schreien oder weinen, denn er hatte Pseydo-Krupp und wir hatten große Angst, dass sein Kehlkopfdeckel zuklappt wenn er zu sehr schreit. Kathi hat versucht es allen Recht zu machen. Leider haben wir damals gedacht, dass ihr verhalten total normal ist, sie war ja auch unser erstes Kind. Heute weiß ich, dass es nicht normal war sondern sie hat es uns sehr einfach gemacht.

Ich glaube wir haben Kathi vernachlässigt, da sie ja keine Probleme hatte und immer einen zufriedenen Eindruck machte. Daher konnten wir unsere Aufmerksamkeit auf unseren Sohn richten, denn er war sehr schwierig und brauchte besondere Unterstützung und Liebe.

Kathi hat ihre Schulzeit, wie sollte es anders sein, sehr gut absolviert und ohne viel Anstrengung einen Ausbildungsplatz in einer Anwaltkanzlei bekommen. Im 3. Lehrjahr haben wir von ihrer Krankheit erfahren und die Welt hörte plötzlich auf sich zu drehen. Kathi war nicht mehr in der Lage ihre Arbeit aufzunehmen und war sehr lange Krankgeschrieben. Nachdem sie von ihrer Ärztin als Gesund geschrieben wurde, was für mich persönlich unbegreiflich ist, da sie nie wieder gesund wird, wurde mit ihrem Chef ein Termin vereinbart, in dem besprochen werden musste, wann sie ihre Ausbildung weiterführen wird. Der Termin stand fest und in der Nacht bevor Kathi die Ausbildung wieder aufnehmen sollt, passierte etwas für mich unbegreifliches. Kathi konnte dem Druck nicht Stand halten und hat sich mit Atosil betäubt, das heißt sie hat einen Suizidversuch unternommen.
Für uns ist eine sehr schwere Zeit angefangen die kaum auszuhalten ist, denn wir wissen mittlerweile, dass Borderliner nicht nur einmal versuchen sich aus dem Leben zu stehlen. Wir sind sehr nachsichtig mit ihr, versuchen ihr vieles Recht zu machen und sind stets bemüht ihr das Leben lebenswert erscheinen zu lassen.
Seit neun Monaten hat Kathi eine feste Beziehung die ihr sehr gut tut und wir alle hoffen, dass diese Beziehung immer Bestand hat und sie glücklich in dieser Beziehung ist und bleibt, denn wenn sich dort wieder etwas ändert gehen bei uns verständlicherweise alle Alarmglocken an und Kathi wird um so mehr bemuttert und behütet, wogegen sie sich wehrt.

Seit ihrer Beziehung nimmt sie wieder am Leben teil. Kathi hat einen klareren Gesichtsausdruck, ist fröhlich und hat endlich ein paar Pfund zugenommen. Außerdem plant sie ihre Zukunft, zumindest Beziehungstechnisch, alles andere, wie Therapie, neue Ausbildung usw. geht sehr schleppend voran.

Manchmal wächst sie über sich hinaus, was mir sehr große Hoffnung gibt, dass sie allmählich weiß, wie sie mit ihrer Erkrankung ihr Leben in den Griff bekommen kann.

Leider ist Kathi mir gegenüber sehr verschlossen und lässt sich nicht gerne etwas von mir sagen oder einen Rat annehmen, das bestätigt mich in meiner Meinung das es sicherlich an mir und meiner Erziehung liegt, das es ihr so geht wie es ihr geht. 

Gerne würde ich mehr über das Thema Borderline erfahren, mit Betroffenen oder Angehörigen von Betroffenen reden, nur leider bietet sich mir diese Möglichkeit nicht, denn es gibt weder eine Selbsthilfegruppe noch lässt Kathi mich mit Mitpatienten in nähren Kontakt treten.

Einmal hat sie eine nette Mitpatientin mit nach Hause gebracht, ich habe förmlich an ihren Lippen geklebt und jedes Wort von ihr aufgesaugt was über ihre Lippen kam.