Start Erfahrungsberichte Betroffene Da war es wieder dieses Gefühl!
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Es war im Sommer 2004, als ich nachmittags auf meinem Bett lag und mit meinem besten Freund telefonierte. Wir redeten über meine Beziehung zu einer Frau – ganz anders als all die Beziehungen davor, schließlich gabs sonst nur Männer für mich - und mitten im Telefonat fing er an, sich über meinen Vater lustig zu machen. Als wir auflegten, spürte ich es zum ersten Mal nach 10 Jahren wieder.

Diese alt-vertraute Kälte, Leere, kein Gefühl mehr in den Beinen und in den Armen, ich driftete weg, und als ich wieder zu mir kam war alles anders.

Es schien fast so, als sei die Welt stehen geblieben und als würde sie sich dann um so schneller drehen, mir war kalt und warm und flau und irgendwie... alles auf einmal.

Ich wusste immer, dass ich irgendwie anders war. Ich war so sensibel, unendlich verletzlich und sehr schnell ängstlich.
Selbstvertrauen? Ein Fremdwort. Immernoch.
Stolz? Ein unbekanntes Gefühl. Immernoch.

Ich begann im Winter 2004 / 2005 mit meiner Therapie, ich fand einen guten Therapeuten in Schwerte und einer meiner ersten Sätze zwischen all den Tränen in den Sitzungen war „Ich will aber nicht in eine Klinik!!“

Die Diagnose war recht schnell gestellt, Borderline.
6 von 9 Kriterien erfüllend habe ich angefangen, mich in vielen kleinsten Schritten zu verändern. Zunächst ging es mit sehr kleinen Schritten vorwärts, und nach und nach merkte ich, dass 3 Monate vollstationäre DBT wohl doch besser für mich und meine verletzte Seele sind.

So landete ich im Sommer 2006 in Hemer in der Hans-Prinzhorn-Klinik, und dort ging es mir schlagartig besser. Ich lernte ebenfalls Betroffene kennen und konnte mir endlich ein eigenes Bild zu der Erkrankung machen. Ich fand Freunde, auch wenn ich diese anfangs nur schwer zu mir durchkommen liess und nicht wirklich an ihre Freundschaft glaubte.
Ich lernte, dass ich doch etwas gegen die Symptome machen kann, auch wenn ich nicht „schuld“ daran bin, dass es so ist.

Als meine Beziehung endete, habe ich mir noch mehr Gedanken gemacht und bin nun so weit, dass ich mit aller mir zur Verfügung stehender Macht gegen die „negativen“ Bestandteile dieser Krankheit ankämpfe. Unter teilweise größter Anstrengung arbeite ich nun an den verbliebenen „Hauptproblemen“, nämlich

-    die absolute innere Leere und das damit verbundene Gefühl, immer alleine zu sein
-    mich selbst nicht zu lieben, sondern sämtliche Grenzen meines Körpers konsequent zu ignorieren
-    Selbstverletzung
-    Depressionen und die damit verbundene Antriebslosigkeit
-    Diverse Ängste, größtenteils Verlust- und Versagensängste
-    Eifersucht


Die teilweise extreme Empathie anderen Leuten gegenüber erschreckt mich nicht mehr so. Dass ich anderen Menschen teilweise „von der Stirn ablesen“ kann, wie es ihnen geht, ist mir nicht mehr fremd. Dennoch verwirrt es mein Umfeld, und manchmal wär ich froh, wenn ich nicht wüsste, was der andere gerade fühlt.

Ich denke nur noch selten, dass alle über mich reden und mich eh nicht mögen.
Ich zweifele aber weiterhin meine Kompetenzen an, und weigere mich nach wie vor, mich als „gut“ zu bezeichnen – egal in welcher Hinsicht.

Ich kenne die Auslöser der Erkrankung und weiss auch, dass ich schon als Kind an Borderline erkrankt bin. Ich weiss nun auch, dass viele Reaktionen bei mir als Reflex ablaufen und es mir dadurch nahezu unmöglich wird, anders zu handeln. Aber ich versuche es immer und immer wieder – natürlich mit Rückschlägen und manchmal auch mit Kraftlosigkeit.

An manchen Tagen bin ich vom Leben so ausgelaugt, dass ich nur noch schlafen könnte.

Ich habe eine riesenlange Skill-Liste, ein paar gute Freunde und meine Tiere (2 Kater und mein Pony), die mir gnadenlos zur Seite stehen und mich aus jedem Loch herausangeln – mehr als Menschen es je zu schaffen vermögen.
Inzwischen habe ich den Mann gefunden, der mit mir diese Höhen und Tiefen durchleben möchte – weiss aber auch, das er stellenweise überfordert ist und habe (wen wundert’s?) Angst, dass er irgendwann sagt „ich such mir lieber eine gesunde Freundin!!“.

Ziele.. ja, Ziele habe ich.
Ein Ziel zu haben find ich sehr wichtig, nur manchmal ist es schwer, dieses Ziel zu definieren, weil es so hoffnungslos aussieht...

Ich möchte ankommen dürfen und mich sicher fühlen. Eine Familie gründen. Ich möchte gerne so sein dürfen, wie ich bin, ohne mich verstellen zu müssen.
Ich möchte mein Lächeln nie verlieren und auch die Schattenseiten nicht vergessen.
Glücklich zu sein – das ist wohl etwas zu viel. Aber vielleicht ab und zu... ja, das wäre schön.