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Verrückt - Normal?

 

Verrückt, normal? – Wer vermag das zu beurteilen?

 

Ich sehe so viele Menschen jeden Tag, Freunde, Familie, Bekannte, Menschen beim Einkaufen, beim Sport, in der U-Bahn, bei der Arbeit…

Alle scheinen sagen zu wollen, ich bin normal, mehr als das, ich bin gesund und ich bin glücklich…Ich bin schön, ich habe Arbeit, einen Ehemann und Babys...

Kaum jemand wagt es in sein Inneres zu blicken, aus Angst vor dem, was er dort sehen könnte, aus Angst, ein solch tiefer Blick könnte sein, so schön zusammengesetztes Bilderbuch ankratzen, vielleicht sogar zerstören.

Diese Menschen lassen sich täglich treiben, sie müssen ständig etwas tun, um sich zu spüren, Reibungen von außen…

Nun, zeichnet sich dort nicht schon das erste Borderline Symptom ab?

Wer hat gesagt, wie ein Leben zu funktionieren hat? Schablonen, Bilderbücher, die man einfach nur ausmalen muss.

Auch ich hatte einmal ein solches Buch, und viele schillernde Farben und Pinsel, doch hat mein Inneres dagegen gekämpft, es auszumalen, eine Zahl mit der anderen zu verbinden.

Kann man sich verschenken, ohne sich selbst gefunden zu haben?

Sein Inneres, sein Wesen verleugnen und einfach mit der Persönlichkeit leben, die einem andere aufdiktiert haben?

Ich konnte das nicht, und das hat mich mit zunehmendem Alter „verrückt" gemacht, denn ich war anders, ich habe etwas gesucht, was ich in der „schönen heilen Welt" nicht finden konnte.

Heute weiß ich, dass es nur mein Ich war, das ich all die Jahre so schmerzlich vermisst und gesucht hatte. Und ich bin froh, dass mich das Etikett Borderline auf den Weg gebracht hat.

Es war ein schwerer Kampf bis hierher, und er ist noch nicht ausgefochten.

Diese Therapie, der Weg zu mir selbst, ist der härteste Job meines Lebens. Und auch der wichtigste.

Kein Geld der Welt, schöne Sachen, zurecht gemalte Sicherheit, könnten dies aufwiegen.

Ich habe mich und meine Gestörtheit so sehr gehasst.

Denn ich verliere so oft die Kontrolle über mich, so sehr, dass ich alles hart Erarbeitete und Erkämpfte mit einem Schlag wieder zerstöre. Die Saat kaputt mache und somit wieder und wieder von neuem säen muss.

Aber mit jedem Kampf habe ich eine weitere Waffe gefunden. Jeder gewonnene Kampf hat mich stärker gemacht, und das ist es, was man braucht in diesem Leben…Stärke.

Ich lerne, mich von dem Diktat, das andere versucht haben mir aufzudrängen, zu befreien.

Ich lerne, dass es viele Wege gibt, dieses Leben zu beschreiten. Ich lerne, dass Selbstmord feige ist, denn Sterben ist einfach, es ist das Leben, das wirklich schwer ist...

Es ist auch das Leben, das es wert ist, weiter zu kämpfen und gelebt zu werden. Das Leben mit all seinem Schmerz, mit all seiner Schönheit…

Ich hasse mich und meine Gestörtheit nicht mehr, denn dies macht mich zu etwas Einzigartigem in einer Welt von Gleichförmigkeit. Dies hilft mir, nicht wirklich verrückt zu werden.

Meine Gestörtheit hat mir letzten Endes geholfen, auf den Weg zu mir selbst zu treten, den ich, wie so viele Menschen unserer Zeit, versucht habe, mit allen Mitteln zu umgehen.

 

 

„Wer "nicht in die Welt passt", der ist immer nahe daran, sich selber zu finden. "

(Hermann Hesse, Demian)