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Sucht überwunden!

Jetzt nach einer langen Zeit in der ich immer wieder mit Menschen zusammen getroffen bin die ähnliche Geschichten haben wie ich, ist für mich einiges klarer geworden und ich kann nun klar und deutlich benennen was mich so sehr an dem Mann festhalten lies von dem ich nun schon so lange getrennt bin.

Es ist eine Sucht, ja eine Sucht denn der Mensch war in der Lage, dass ich mich spüren konnte. Mich als Person mit Armen und Beinen, mit einem Herzen und einer Seele. In den Momenten der Verschmelzung war ich ganz bei mir und konnte fühlen das ich tatsächlich Leben in mir habe.

Ist es nicht verständlich, dass man so einen Menschen nur schwer wieder gehen lassen kann, weil einem dann die Identität fehlt und man seinem Umfeld völlig ausgeliefert ist, da ich keine Emotionen oder Gefühle bemerke oder zu fassen bekomme.

Jeder Süchtige der irgendwann einmal in einer Abhängigkeit zu irgendetwas stand wird sicher verstehen wie es sich anfühlt. Der Moment in dem der Stoff durch die Adern fließt und einem das Gefühl von Erlösung oder auch das Verschwinden von Entzugserscheinungen gibt fühlt sich sicher ähnlich, als das was ich immer wieder gespürt habe wenn wir uns in Symbiose begeben haben.

Die letzten Male als wir telefonierten erwähnte er immer wieder das er weiß in welche „Filme" ich abtauche und ich habe mich gefragt: Woher will er das wissen? Ist er in meinem Kopf?

Die einzig logische Erklärung dafür ist die, dass er es von sich selber kennt.

Die Realitätsprüfungen die ich die letzten Wochen bei ihm gestartet habe, haben mich zumindest in soweit in der Realität bestärkt, dass ich nach den Gesprächen nicht total aus dem Ruder gelaufen bin und mich am Ende vielleicht einer Selbstverletzung hingegeben hätte. Das habe ich schon seit September nicht mehr getan, auch wenn ich in der Reha wochenlang permanent den Druck hatte es zu tun was noch nicht einmal mit ihm zu tun hatte, sondern eher mit den Baustellen die ich sonst noch so bearbeitet habe. Dennoch habe ich mich mit Skills und nächtlichen Besuchen im Kneipp Tretbecken im Griff gehabt. Ein Mitpatient äußerte zu dem Thema einen wirklich sehr passenden Satz:

Warum um alles in der Welt soll ich 24 Stunden am Tag gegen einen Selbstverletzungsdruck ankämpfen wenn in 5 Minuten alles vorbei sein, und ich völlig erschöpft einschlafen könnte??

Tja, eine Antwort hatte ich darauf auch nicht aber es ist klar, dass ich mein destruktives Verhalten abstellen will und dazu gehört nun mal eben nicht Hand an mir selber anzulegen und den Druck anderweitig zu bekämpfen.

In der Selbsthilfegruppe SLAA (Sex, Liebe und Beziehungssucht) habe ich Menschen um mich gehabt die genau den selben schmerzvollen Weg gegangen sind und auch immer noch gehen, dass hat mir sehr viel Mut gemacht es auch eines Tages zu schaffen und die Sucht zu einem Menschen zu überwinden. So wie jeder trockene Alkoholiker oder Ex-Junkie auch. Liegt es ja schließlich am Ende gar nicht an der Person selber, sondern an den Gefühlen und Emotionen und vielleicht auch an Erinnerungen an Erlebnisse aus der Vergangenheit die einen in diese Abhängigkeit getrieben haben.

Da die Gefahr sehr groß ist, aus 82 Mio. Einwohnern in Deutschland wieder genau den oder auch die rauszupicken, der ebenfalls anfällig für die Symbiose mit einem Menschen ist sollte man eigentlich eine längere Zeit ohne Sex und vor allem ohne Beziehung leben.

Nun habe ich aber in der Reha eine Frau kennengelernt die ich sehr mag und man sollte es kaum glauben, sie ist keine Borderlinerin, allerdings selber ziemlich durch eine geschädigt worden. Wir waren zusammen in der SHG und ich durfte sogar mit therapeutischer Genehmigung ein Wochenende bei ihr verbringen. Allerdings hatte ich die Auflage es bei „Nähe" zu belassen und zu sehen ob sie mich auch noch mag wenn ich nicht gleich mit ihr ins Bett gehe. Eine Vorstellung die ich so gut wie gar nicht kannte, war doch bis jetzt immer meine Meinung das ich zu nichts anderem zu gebrauchen bin außer für Sex. Jetzt aber sollte ich darauf verzichten jemanden zu beweisen, dass ich was wert bin?? Mit anderen Worten guter Sex – viel wert; schlechter Sex – Minderwertig; gar keinen Sex – gar nichts wert?

Ich habe die Herausforderung angenommen und es tatsächlich geschafft nicht mit ihr zu schlafen sondern einfach nur viel „Nähe" zu erfahren und auch zu geben. Zwischendurch hatte ich immer wieder heftigen Selbstverletzungsdruck und Fluchtgedanken: Ich muss hier weg, einfach weg am besten wenn sie es gar nicht bemerkt und gerade beim Bäcker oder auf dem Klo ist.

Diesmal habe ich es aber mit „neuem" Verhalten versucht und meine Gedanken klar geäußert und ihr von meinem Druck, nichts wert zu sein, wenn ich nicht mit ihr schlafe erzählt. Die Reaktion daraus war schier unglaublich – sie mochte mich immer noch und hat mich einfach in den Arm genommen und mich getröstet. Warum habe ich bloß nie früher diese Erfahrung zugelassen und mich lieber immer aus dem Staub gemacht oder tagelang „Filme" in meinem Kopf ablaufen lassen wenn ich in einer solchen Situation war? Mochte ich die Quälerei von mir selber vielleicht sogar irgendwie?? Hat mir das ebenfalls die Möglichkeit gegeben mich selber zu spüren und zu merken, dass mein Herz noch schlägt und Blut in meinen Adern fließt anstatt kaltes klares Wasser??