Start Reha-Tagebuch Wieder zurück im „Außen"
17.02.2009 wieder zurück im „Außen"

... nun nach mittlerweile zwölf Wochen Aufenthalt in der Rehaklinik bin am Dienstag zurückgekehrt. Die Gefühle dazu lassen sich nur sehr schwer beschreiben, weil es sehr zwiespältig ist, lieb gewonnene Menschen zurückzulassen und zu wissen, dass man nun das gelernte umsetzen sollte. Dazu kommt die Angst die Erwartungen der Menschen von denen man lange getrennt war nicht erfüllen zu können.

Nach meiner anfänglich doch sehr hohen Abwehr gegenüber dem Klinikkonzept würde ich nun jederzeit wieder in dieser Klinik eine Reha machen.

Es war eine sehr schwere, aber auch sehr lehrreiche Zeit, aus der ich sehr viel mitnehme in meine Welt zu Hause. Oft habe ich mich vor dem Aufenthalt dort gefragt, ob ich von einem anderen Planeten stamme, oder warum mich die Menschen in meinem Umfeld oft nicht zu verstehen scheinen. Jetzt weiß ich, dass der Planet vielleicht fremd ist, ich dort aber nicht alleine wohne und das sich dort viele andere Aliens zusammen mit mir befinden – ein gutes Gefühl nicht alleine zu sein –

So habe ich mich am Anfang noch darüber erschreckt auf Menschen zu treffen die genauso „schräg" denken wie ich, oder die gleichen destruktiven Verhaltensweisen haben, so war es doch gerade das, was mir geholfen hat mich immer öfter zu hinterfragen. Die Verantwortung für mich und mein handeln habe ich ja sonst immer sehr gerne anderen zur Last gelegt. Allerdings habe ich jetzt verstanden, dass ich mit dieser Vorgehensweise immer am Heimatplanten Erde vorbeigeflogen bin und mein Umfeld völlig aus der Erdumlaufbahn geschossen habe. Es gab in der Klinik Situationen in denen ich am liebsten weggelaufen wäre, aber nicht vor den anderen, sondern meistens vor mir selber. Allerdings gab es die Option „Ausstieg" nicht für mich und so habe ich mich immer besser kennengelernt.

Gefühle wie Wut, Freude oder auch Trauer habe ich immer nur schwer bemerken können und oft durch andere Gefühle ausgelebt weil ich es eben nicht anders kannte. Jetzt versuche ich durch ein Wuttagebuch diese Gefühle schon frühzeitig zu erkennen und die Wut dann auch bei der richtigen Person anzusprechen. Oft habe ich so einen Klumpen im Magen und weiß nicht was es ist und wo es herkommt. Ich trage diesen Klumpen dann tagelang mit mir herum ohne auch nur ansatzweise den Auslöser dafür zu kennen. Oder ich kenne den Auslöser bin aber nicht in der Lage die Situation dazu evtl. zu klären. Jetzt habe ich gelernt immer wieder zu versuchen dieses Gefühl zu beschreiben und mich nicht durch die Suche nach einer Ersatzbefriedigung wie z.B. Fressanfälle, Selbstverletzung oder auch Angriff auf Menschen die mit der Ursache gar nichts zu tun haben, von dem eigentlich dahinter stehenden Bedürfnis nach Nähe, Sicherheit, Verlässlichkeit ablenken zu lassen. Habe ich mich geärgert oder entwickelt sich Wut sollte ich so eine Art Frühwarnsystem entwickeln und immer wieder die Realität prüfen indem ich einfach Nachfrage oder Antworten suche wenn mir welche fehlen. Sich im Kopf abspielende „Filme" können nur schwer gestoppt werden wenn jemand erst einmal den „Start" Knopf gefunden hat. Das große Thema „Nähe und Distanz" habe ich dort immer wieder, wie im Leben und mit therapeutischer Unterstützung „üben" können und bin nach dem Aufenthalt zu dem klaren Ergebnis gekommen, dass es Borderliner gibt, die wenn sie aufeinander treffen und sich Nähe geben, nicht mehr in der Lage sind Grenzen zu erkennen und zu leben. Völlig losgelöst von der Umwelt und abgelöst von sich selber verfallen sie (ich) in Symbiose ähnliche Zustände und finden plötzlich und ungewollt den Zugang zur realen Welt nicht mehr wieder. Immer wieder ist es mir in der Klinik passiert völlig den Halt unter den Füßen zu verlieren und meine „schwache" Seite zeigen zu müssen was ich im „hier und jetzt" als sehr hilfreich empfinde und es auch nicht mehr als Makel sehe sich so zu zeigen wie man eigentlich ist.

Es gab Konfrontationen mit destruktiven Verhaltensweisen die ich als Vertrag mit Mitpatienten geschlossen habe und was mir sehr geholfen hat überhaupt erst einmal zu bemerken in welchen Situationen ich mich „verletzend" oder „schräg" verhalte und was es in dem Moment mit meinem Gegenüber macht.

Was all diesen Dingen folgte war die Fortführung einer Reise die ich in meiner Abschlussrede am Ende meiner Reha wie folgt beschrieb:

...was den ersten Wochen nach meiner Anreise folgte, waren viele Einschnitte in meine Autonomie, viele nächtliche Kämpfe mit Tränen. Der innere Schweinehund der ständig knurrend in der Tür stand und mir riet bloß nicht schwach zu werden, wollte sein Futter und bekam es letztendlich dann auch. Die Reise ging weiter, den schwersten Weg hatte ich noch vor mir, den zu mir selber! Wegbegleiter wie Anke und Thomas (Therapeuten)wurden von mir kurzerhand erst einmal zu Verkehrsschildern am Wegesrand degradiert, die ich im „Außen" ja auch schon mal ganz gerne einfach übersehe. Normalerweise muss man ja auf einer Reise immer etwas bezahlen und bekommt nicht auch noch etwas, hier war das anders hier bekam ich Geschenke. In Bad Grönenbach bekam ich Therapiegeschenke und keiner hat mich bei Antritt der Reise danach gefragt ob ich die überhaupt haben will, die waren einfach da und vor allem überall lauerten Menschen die durch Spiegelungen meiner selbst zum Therapiegeschenk wurden. Wenn ich mal gerade kein Therapiegeschenk auspackte machte ich Zwischenstopp in den Ländern: Nähe und Distanz; Idealisierung und Abwertung; Manipulation; Autonomie; Selbstwert usw.

Nicht das diese Länder für mich unbekanntes Terrain waren, neinnnnn hier kannte ich mich aus diese Länder hatte ich schon oft und sehr ausgiebig besucht, man könnte auch sagen ich hatte für diese Länder eine Green Card gewonnen. Am Wegesrand dieser Länder standen immer wieder Menschen die mir ihre Hände reichten um mit mir in Kontakt zu gehen und abgelehnt wurden und solche die ich schirr in mir aufsog. Solche bei denen selbst der eiserne Vorhang kein Hindernis für eine Verschmelzung gewesen wäre.

Immer wieder beschlich mich der Gedanke: Mein Gott wie viel Basismaterial zur Identifikation es hier für mich gab, kaum auszuhalten. Wie lange ich wohl von dieser Reise erzählen kann?

So reiste ich Kilometer um Kilometer auf den Straßen der Emotionen und Gefühle und ließ keinen Parkplatz oder auch noch so kleine Möglichkeit aus, anzuhalten und zu versuchen auf der Autobahn zu wenden und in die Richtung zu fahren, in die es bis jetzt immer ganz automatisch ging.

Richtung Chaos im Kopf – Ausfahrt – destruktives Verhalten – Parkplatz Selbstverletzung.

Wie wird wohl das Ankommen sein? So wie bei Phileas Fogg nach seiner Reise in 80 Tagen um die Welt? Werden Menschen sich auf mich stürzen und wollen, dass ich ihnen von meiner Reise erzähle? Denken sie ich bin jetzt ein anderer Mensch? Bin ich nach dieser Reise ein anderer Mensch?

Nein, ich bin sicher kein anderer Mensch ich bin immer noch ich.

Jetzt allerdings werde ich Erinnerungen mitnehmen an Menschen wie Petra, Jess und Florian, Gabi und Dijana, Jonas und Christian, Katinka und Sara uvm. Ich nehme die Hoffnung mit, dass ich aus Kontakten Beziehungen werden lassen kann, was mir immer besonders schwer fiel. Ich werde von meiner Reise mitnehmen, dass nur ich selber etwas an mir verändern kann und dass, Menschen zu meinem Leben dazu gehören sollten. Das ich mich selber lieben lernen muss um auch selber liebe geben zu können. Diese Reise wurde von Menschen begleitet von denen mich manche erreicht haben und andere nicht. Aus einigen Ländern nehme ich mehr an Sehenswürdigkeiten mit nach Hause als aus anderen. In manche werde ich zurückkehren und anderen werde ich für immer den Rücken kehren.

Meine Reise ist noch lange nicht beendet, aber diese Etappe habe ich auch mit Anlaufschwierigkeiten schlussendlich geschafft. Auch ich werde sicher irgendwann dort ankommen an dem Ort den ich nicht benennen kann, aber von dem ich mal gehört habe………

Den Willen dazu habe ich jedenfalls „Hallo!!!!! GGGRRRRR ich bin LÖWE!!!

Heute nach ein paar Tagen wieder zu Hause fehlt mir oft die Sicherheit die mir die therapeutische Gemeinschaft gegeben hat und ich fühle mich immer noch fremd. Es fehlen mir die Menschen die dadurch, dass sie mir so ähnlich sind, eine andere Sichtweise mir gegenüber haben. Mir hat der Aufenthalt in Bad Grönenbach sehr viel bedeutet und wird mir nachhaltig helfen mein Leben leichter zu gestalten, mich und mein Verhalten besser zu reflektieren und den richtigen und einzigen Weg zu gehen um in Beziehung gehen zu können zu anderen Menschen. In Beziehungen die gesund sind und leben geben.

Nur eines hat die Therapie nicht erreichen können: Ich habe niemals einen Baum umarmt!