Start Reha-Tagebuch 20.11.2008 noch 5 Tage bis zur Reha
20.11.2008 noch 5 Tage bis zur Reha
Reha-Tagebuch

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Jetzt gerade im Moment kann ich noch gar nicht sagen wie es mir geht. Ich fühle mich nicht schlecht aber auch nicht wirklich gut. Es ist mal nicht „schwarz oder weiß" es ist „grau", ein sehr ungewohntes Gefühl denn so oft fühle ich diese Grauzone nicht.

 

In meinem Kopf wirken die Gespräche von gestern noch nach. Einerseits die Sitzung mit meinem Therapeuten, was mal wieder so einen erleuchtenden Faktor hatte und sich ein weiteres Puzzleteil für mein Bild ergeben hat. Manchmal fühlt es sich allerdings so an als hätte mein Puzzle 1.000.000 Teile und ich hätte bis jetzt erst 100 davon zusammengesetzt. Zwischendurch kommt jemand vorbei und latscht einfach mal darüber und zerfetzt selbst diese wieder und ich muss wieder von vorne anfangen.

Gestern aber hat mein Therapeut das ausgesprochen was ich schon lange gespürt habe und vor allem war er bis jetzt der Erste bei dem ich das Gefühl hatte er versteht, was für mich wirklich hinter dem Tot von meinem Freund steht und wie sehr sich das in meine Seele gebrannt hat. Alleine die Tatsache, dass er sich seit unserer letzten Sitzung Gedanken darüber gemacht hat, wie ähnlich sich mein toter Freund und der Mann, den ich so schlecht aus meinem Leben streichen kann sehen, hat ihn sichtlich irritiert. Er hat recht damit wenn er sagt ich wollte an dem lebenden Mann die Schuld gut machen die ich mir dafür gebe, dass der Andere tot ist. Er hat es auch gar nicht als „unmöglich" empfunden, dass ich in manchen Momenten immer noch den Geruch von meinem toten Freund in der Nase habe und das sich die Gerüche, dieser beiden Männer, für mich identisch anfühlen. Niemals hätte ich das früher jemanden erzählt ohne die Angst zu haben, dafür belächelt zu werden. Für ihn ist das durchaus möglich und gar nicht so weit hergeholt, weil sich so ein Geruch durchaus in den Nervenbahnen meines Hirnes festsetzen kann.

Es erstaunt mich selber, dass ich die ganzen Monate gar nicht so daran gedacht habe, dass es so scheint, die Trauerarbeit und nicht das zusätzlich erlebte Trauma, wäre meine Hauptbaustelle und Auslöser vieler anderer Verhaltensweisen meinerseits.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir jetzt wissen in welcher Reihenfolge wir was abarbeiten sollten.

Na, ja und dann hatte ich noch ein Gespräch mit meinem Ex-Mann, meinem Freund und meinem Sohn bzgl. der Versorgung meines Sohnes während der Reha. Über den Verlauf möchte ich mich gerade mal lieber ausschweigen. Ich muss heute mit Abstand einsehen, dass egal wie organisiert das ganze ist, sie können es mir sowieso nie recht machen. Ich bin eine Mutter durch und durch und hätte immer etwas zu meckern oder auszusetzen. Mein Sohn ist ja auch kein Kleinkind mehr trotzdem sollten alle Beteiligten nicht vergessen, dass ich nicht für drei Wochen in den Urlaub fahre, sondern für zwölf Wochen in die Reha, noch dazu über Weihnachten.

Heute steht nicht mehr viel an, außer der Organisation eines weiteren Koffers, denn ich habe schon zwei Koffer voll und festgestellt, dass ich noch mindestens zwei brauche.

Ansonsten scheint heute ein guter Tag zu sein, bis jetzt hat sich noch nicht die Erde aufgetan und versucht mich zu verschlingen. Ganz im Gegenteil ich bin irgendwie euphorisiert und aufgedreht und voller Tatendrang.

Die Ruhe vor dem Sturm????

……………………..da ist sie doch schon wieder die Bewertung, kann ich nicht einfach mal genießen, dass es mir heute gut geht? Nein, ich muss schon wieder denken, dass auf Sonnenschein ein Sturm folgt, anstatt die Situation so zu lassen wie sie ist!