Ich bin anders.

Anders als die Norm? Anders als die Gesellschaft? Anders als ich es selbst von mir erwarte? Anders als man mich vielleicht gern hätte?

Egal, eben einfach anders, einfach ICH.

Ich bin einen langen Weg gegangen um diesen Satz formulieren und akzeptieren zu können ohne ihn direkt zu hinterfragen, ohne mich selbst gleichzeitig abzuwerten oder aber zu idealisieren.

Denn nicht nur die Welt um mich herum wird von meinen „Bordi-Gefühlen" in schwarz und weiß kategorisiert, auch mich selber habe ich viel zu lange in ein Schwarz-Weiß-Schema eingeordnet. Ich konnte meine Schwächen nicht akzeptieren und habe mir durch meine persönlichen Erwartungen an mich selber zugleich Steine in den Weg gelegt, hatte den Anspruch in allem immer perfekt sein zu müssen, ein unerreichbares Ziel, das sich zugleich wieder wunderbar dazu eignet meine Leistungen abzuwerten.

Nach wie vor fällt es mir schwer mich von diesem Schema zu lösen und mich so zu akzeptieren wie ich bin. Ich kenne meine Stärken und meine Schwächen, zumindest theoretisch, aber fühlen, tatsächlich glauben kann ich sie noch nicht.

Schließlich ist mein Bild von mir Jahre lang von meinen „Bordi-Gefühlen" verzerrt worden. Blicke ich in den Spiegel, sehe ich nicht den Menschen, den andere sehen. Werde ich mit positiven Äußerungen konfrontiert, klingt das wie Musik in meinen Ohren, aber den Weg in mich hinein, in meine verworrene Gefühlswelt schaffen nur die wenigsten Worte.

Aber ich versuche nicht nur zu akzeptieren, dass ich bin wie ich bin, ich habe mit der Zeit auch gelernt zu differenzieren zwischen „Bordi-Gefühlen" und „-Gedanken" und meinem eigentlichen Ich. Borderliner ist man schließlich nicht aus Überzeugung und nicht mit Haut und Haar, ich bin mir sicher, dass es sehr viel mehr in mir gibt, neben dieser Krankheit. Dieses Ich wird nur leider viel zu oft und viel zu stark von dem Borderliner in mir verdrängt. Von jetzt auf gleich erscheint die Welt aussichtslos und schwarz, bedrohlich und instabil und diese Sicht scheint von unabsehbarer Dauer. Manchmal fühle ich mich gefangen in einer inneren Ambivalenz, von einem Gefühl ins nächste taumelnd.

Doch mein Ich in mir kämpft Tag für Tag und immer besser gegen diese Gefühle und Gedanken, die kommen und gehen, sich einschleichen, versuchen alles andere zu entmachten, die unstetig und stimmungsgebunden sind.

Nein, ich kämpfe nicht gegen den Borderliner in mir, denn der ist ein Teil meiner Persönlichkeit, ich möchte nur nicht immer wieder diesen negativen Gefühlen erliegen, mich ohnmächtig mir selbst gegenüber fühlen und passiv oder gar destruktiv ausharren in der Hoffnung dass die Welt morgen schon anders aussieht.

Man sagt oft leichtfertig „Die Hoffnung stirbt zuletzt" und mehr als einmal war ich bereits an dem Punkt an dem es nicht einmal mehr Hoffnung in mir gab. Ich kenne die Schattenseiten des Lebens und ich weiß wie es ist völlig im Dunkeln zu stehen, sich alleingelassen zu fühlen, innerlich leer und keine Kraft mehr zu haben. Gerade deshalb weiß ich aber auch wie es sich anfühlt froh darüber zu sein, dass man atmet, dass man lebt. Viel zu lange habe ich nicht gelebt. Lange Zeit war mir die Fassade, die ich mit aller Macht aufrecht erhalten wollte, gar nicht bewusst. Ich habe Jahre lang nahezu sämtliche meiner Energie genutzt, um einen Schein zu wahren, möglichst immer nett lächelnd, funktionierend.

Doch ich habe angefangen zu leben, ich bin aus meinem eigenen Käfig ausgebrochen, ich konnte zum ersten Mal spüren wie es sich anfühlt frei zu sein, glücklich und innerlich zufrieden zu sein.

Und ich konnte spüren, dass es sich lohnt zu leben, auch wenn oder gerade weil ich anders bin!